Wie arbeiten wir interkulturell?

Interkulturelle Kompetenz ist ein Zauberwort in der Managementliteratur. Als interkulturelle Coaches und Trainer folgen wir Modellen und halten uns auch über die Forschung auf dem Laufenden. Häufig fällt mir auf, dass oft Grundbegriffe nicht klar sind. Daher hier der Versuch einer Einführung (ausnahmsweise auf Deutsch).

Was ist eigentlich Kultur? – Kulturbegriffe und Forschung

Kultur ist ein grosses Wort und umfasst mehrere Konstrukte. Wir helfen uns daher in der Vermittlung interkultureller Kompetenz häufig mit Analogien wie dem Eisberg, der Zwiebel und der Sonnenbrille. Erläuterungen finden Sie bei Uehlinger (2012).

Alternativ stellen wir gerne Vergleiche aus dem Bereich Obst und Gemüse an, wie das Pfirsich- und Kokosnussmodell. (Schweizer wären hierbei tendenziell in der Sparte Kokosnuss einzuordnen mit einer harten Schale und weichem Kern, während Amerikaner eher in die Kategorie Pfirsich passen.)

Wissenschaftlich fundiert sind diese Vergleiche nicht, aber sie helfen „Anfängern“, sich die Herausforderungen im interkulturellen Kontext besser vorstellen zu können. Die wissenschaftliche Basis sind dagegen die Festlegung und Definition von Kulturstandards, d.h. Normen und Werten einer Kultur.

Definitionen von Kultur

“Culture is the software of the mind.” G. Hofstede

“Culture is the collective programming of the mind which distinguishes the members of one human group from another.” G. Hofstede

„Kultur ist ein dynamischer Prozess des Lösens menschlicher Probleme in den Gebieten: menschliche Beziehung, Zeit und Natur.“ A.F. Trompenaars

“Culture is the way in which a group of people solves problems and reconciles dilemmas.” E. Schein

“Kultur ist das komplexe Ganze, das Wissen, Überzeugungen, Kunst, Gesetze, Moral, Tradition & jede andere Fertigkeit & Gewohnheit einschließt, die Menschen als Mitglieder einer Gesellschaft erwerben.“ Edward B. Tylor

Klischees

Klischees können humorvoll gemeint und trotzdem verletzend wirken. Sie beginnen normalerweise mit pauschalen Aussagen wie:

  • „Die Deutschen haben keinen Humor.“
  • „Die Italiener lieben vor allem ihre Mutter.“
  • „Alle Amerikaner sind laut und oberflächlich.“
  • „Der Inder an sich kann nicht selbst kochen.“

Häufig spielen dabei persönliche Erfahrungen eine Rolle. Das Klischee mag zwar auf einen Grossteil der Menschen zutreffen, spiegelt aber häufiger eher eine subjektive Wahrnehmung des Sprechers, beeinflusst von seiner kulturellen Prägung, wider. Seien Sie daher vorsichtig mit Klischees. Wir nutzen sie häufiger bei der Suche nach gegenteiligen Beweisen oder um uns selbst aufzuziehen („Als Deutsche brauche ich eine Agenda und einen Zeitplan.“).

Vorurteile

Vorurteile sind immer negative Aussagen über Menschen anderer Kulturen. Häufiger werden Sie Vorurteile von Menschen hören, die wenig oder gar nichts über die Menschen der anderen Kultur wissen. In die Kategorie der Vorurteile gehören auch alle negativen Kommentare über die Essensgewohnheiten in anderen Ländern. (Beispiel: „Spaghettifresser, Knoblauchfresser“)

Landesspezifische Etikette

Häufig wird interkulturelle Kompetenz gleichgesetzt mit dem Wissen und Handeln nach landesspezifischen Etiketten. Aus unserer Sicht ist das aber erst der Anfang. Ausserdem können wir auch als interkulturelle Coaches durchaus in Fettnäpfchen treten.

Kulturstandards

Thomas, Kinast, Schroll-Machl (2005) legen in ihrer Arbeit Kulturstandards fest. Es handelt sich hierbei um landesspezifische Werte und Normen. Durch Kenntnis der Werte und Normen wird erwartet, dass sich das Verhalten der (normalerweise ausländischen) Expats mit der Zeit anpassen wird. Kulturstandards werden durch fünf Merkmale definiert.

  • Sie sind Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns.
  • Sie steuern eigenes und fremdes Verhalten.
  • Sie besitzen eine Regulationsfunktion für Situationsbewältigung und Umgang mit Personen.
  • Sie variieren innerhalb eines gewissen Toleranzbereiches bei Individuen und Gruppen.
  • Verhaltensweisen ausserhalb der Kulturstandards werden von sozialer Umwelt sanktioniert.

Kulturdimensionen

In Trainings arbeiten wir (und moderne Tools auch) häufig mit den vergleichenden Modellen der Kulturdimensionen.

  • nach Hofstede
  • nach F. Trompenaars / C. Hampden-Turner
  • nach E.T. Hall

Was spricht für die Arbeit mit Kulturdimensionen?

  • Sie dienen als Strukturierungsmöglichkeit.
  • Sie sind einfach zu merken, Teilnehmer können auf einer Metaebene über das Thema sprechen.
  • Tendenzen können zum ersten Mal sichtbar werden..
  • Sie sind eine Chance, um Erfahrungen zu reflektieren.
  • Sie sind hilfreich für abstrakte und deduktive Teilnehmer (z.B. deutsche Akademiker)

Was spricht gegen die Arbeit mit Kulturdimensionen?

  • Sie verstärken Stereotypen.
  • Bei wenig erfahrenen Nutzern können sie eine Abwehrhaltung in Bezug auf die eigene Kultur hervorrufen.
  • Die praktische Anwendung fehlt.
  • Sie werden bei der Suche nach gegenteiligen Beweisen genutzt (subjektive Erfahrung entspricht nicht der Dimension)
  • Sie sind durch eine westliche Sichtweise und mangelnde Integration von Herz und Körper geprägt.

Wenn Sie gerne mehr dazu erfahren möchten, lassen Sie es mich wissen.

A. Weinberger

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